Geschichte Hofheimer Vereine
Salon-Orchester 1919 Hofheim
Operetten-Premiere und Uraufführung
"Die Verlobungsreise", März 1951
Ein beachtlich ausführlicher Artikel aus der Hofheimer Zeitung vom 9. März 1951, den ich jüngst entdeckte, war solch ein erstaunliches Fundstück. Besonders aufgefallen ist mir die illustre, gewandte Sprache des pwe Unterzeichnenden. Heutzutage wäre der Bericht bestimmt kürzer und nüchterner ausgefallen.
An das 1919 gegründete Hofheimer Salon-Orchester können sich wahrscheinlich nur noch wenige erinnern. Da bin ich natürlich insofern im Vorteil, als mein Großvater Josef Krupp seit 1961 Ehrenvorsitzender des Orchester-Vereins 1919 und in den 80er Jahren der letzte noch lebende Mitbegründer des Salonorchesters war. Er hat mir von den vielen Konzerten und Operetten erzählt, die sie aufgeführt haben. Dass auch mein Vater an der Aufführung von 1951 beteiligt war, habe ich erst durch den Artikel in der Hofheimer Zeitung erfahren.
Mein zweiter Fund, eine Postkarte des Salon-Orchesters 1919, fotografiert von K. Köhler aus Hofheim, trägt rückseitig die Stempel „Oktoberfest“ und über dem runden Stempel
1.Vorsitzende: | Dirigenten: |
1951 knüpfte das 20 Mann starke Salon-Orchester mit der Operetten-Premiere und Uraufführung an eine bestehende Tradition an, die durch den Krieg eingeschränkt und unterbrochen war. Nach dem 2. Weltkrieg nahmen die verbliebenen Musiker sofort die Kontakte untereinander wieder auf. In Hofheim waren die Wege damals kurz, man kannte sich gut und z.B. in dem „Kästrich“ genannten Altstadtbezirk saßen einige Musikerfamilien dicht beisammen. In der Stephanstraße konnte man den Haucks beim Üben lauschen, in der Stolbergstraße versammelte sich mitunter eine ganze Kapelle zur Probe in Krupps Wohnstube um das dort stehende Klavier. Das Salon-Orchester probte in der Gaststätte „Zur Krone“ schräg gegenüber vom (alten) Rathaus.
Den Text zur Operette „Die Verlobungsreise“ schrieb Hermann Ziebert (von Beruf Oberförster) und komponiert hat sie Herbert Steuker (von Beruf Ingenieur). Beide befanden sich 1945-46 nach dem afrikanischen Feldzug in einem ägyptischen Kriegsgefangenen-Lager. Wegen dem Arbeitsverbot und der unerträglichen Hitze in ihrem Zelt kamen sie auf die Idee, sich gegen den Wüstenkoller mit der Komposition einer Operette zu befassen. Weil sie danach in der Ostzone wohnten, konnten sie trotz herzlicher Einladung an der Uraufführung nicht teilnehmen, weil sie keine Ausreiseerlaubnis erhielten. Diese Uraufführung hat also auch einen deutsch-deutschen, geschichtlichen Hintergrund.
Die Handlung der Operette spielt in der Gegenwart der 50-er Jahre und ist kurz zusammengefasst eine Verwicklungsgeschichte zwischen der Stenotypistin Olli Kirchner (Marianne Hofmann) und zwei Männern. Sie verlobt sich mit dem Prokuristen Egon Lohse (Paul Wolpers), was wiederum dem Modezeichner Günther Korff (Karl Zeitträger) gar nicht passt und zu Verwicklungen auf der „Verlobungsreise“ führt.
Vom 1. Bild im Kontor der Firma Holzmann A.G. führt die „Reise“ über ein italienisches Gartenfest in Neapel nach Kairo in ein arabisches Kaffeehaus und endet im Salon der M. S. Milwaukee der Hapag.
Der künstlerische Entwurf des in den Zeitungen wegen seiner Schlichtheit und Raffinesse sehr gelobten Bühnenbildes gestaltete Hermann Krupp, damals Student an der Städelschule. Die Ausstattung besorgte das Möbelhaus Fritz Mitternacht und Modistin Gertrud Brabetz die originalgetreuen Kostüme.
Regie führte Karl Schramm. Die musikalische Gesamtleitung lag in den bewährten Händen von Dirigent Rudi Sperber, der eine die humorvollen Texte, Sologesänge, Duette und Chöre stützende Musik aus Foxtrott, Tango, Walzer und Märschen formvollendet zur Aufführung brachte. Aufgelockert wurde die Darbietung durch Tanzeinlagen vom Ballett des Turnvereins. Die Solotänze hatten Helga Müller und Eugenie Dettmer mit ihrem Lehrer H. Bäßler einstudiert.
Ausführende waren neben den genannten Solisten Ria Staab, Peter Schick, Heinz Engel, Arthur Rosemeyer, Helmut Wenzel, Hans Wanke, H. Völkelt, M. Mitternacht, M. Kuzeit, R. Kütterer, W. Kugelmann. Erna Scheibe verstärkte das Salon-Orchester an der Harmonika.
Die über 50 Darsteller, denen Frisör Julius Klopprogge in akrobatischer Schnelligkeit beim Szenenwechsel die Haare richtete, bekamen am Premierenabend 7 Vorhänge von den 400 begeisterten Zuschauern in der ausverkauften Turnhalle 1860.
Quellen:
Hofheimer Zeitung (HZ): 23.2.1951 „Operetten-Aufführungen in Hofheim und Marxheim“
2.3.1951 Die Verlobungsreise. Nach 20 Jahren wieder eine Operette mit Hofheimer Kräften!
9.3.1951 „Hofheimer Operetten-Premiere fand grossen Beifall.“
Freie Neue Presse (FNP): 21.2.1951 „Die Verlobungsreise“; 5.3.1951 Erfolgreiche „Verlobungsreise“
Kreisblatt: 5.3.1951 „Die Verlobungsreise“
Nachlass von Hermann Krupp: Fotos und Schriftstücke
Salon-Orchester Hofheim: Inserate, Programme, Kritiken 1929-1952, Sammelband zusammengestellt von Josef Krupp
Broschüre Big Band Hofheim, Jubiläumskonzert 100 Jahre Orchester-Verein 1919, Hrsg. Orchester-Verein 1919 Hofheim e.V., 2019
Dank:
Dem 1. Vorsitzenden des Orchester-Vereins 1919, Roland Augustin, gilt besonderer Dank für die Zurverfügungstellung des Recherchen-Materials. Mein Dank gilt weiter der Hofheimer Zeitung für die Abdruckerlaubnis und dem Stadtarchiv Hofheim für die beiden Fotos sowie Wilfried Wohmann und seinem Team.
Text und Fotos: Dr. Ingrid Krupp M.A