Historisches Hofheim am Taunus

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Hofheimer Personen


Dr. Walter Weber

Foto: Landratsamt Main-Taunus-Kreis

 

Bürgermeister von Oberlahnstein, Landrat des Main-Taunus-Kreises

 

* 13. Oktober 1886 in Frankfurt a. M.
+ 25. Mai 1966 in Hofheim am Taunus


Walter Weber stammte aus Frankfurt, besuchte dort das Goethe-Gymnasium und studierte dann Jura an den Universitäten Freiburg, München, Berlin und Marburg. 1915 bestand er sein Assessor-Examen und promovierte 1916 an der Universität Greifswald zum Dr. jur. Nach kurzer Zeit am Amtsgericht Höchst und in einer Anwaltskanzlei fand er 1918 den Weg in die Kommunalverwaltung, als er Magistratsassessor der damals noch selbständigen Stadt Höchst wurde. Von dort aus bewarb er sich 1920 für das Bürgermeisteramt der Stadt Oberlahnstein an der Mündung der Lahn in den Rhein und wurde hier im Alter von 33 Jahren am 7. Juni 1920 zum Bürgermeister ernannt.  

 In der Nachkriegszeit des verlorenen 1. Weltkrieges hatte er als Stadtoberhaupt große Probleme zu lösen. Seine Aufgabe wurde noch dadurch erschwert, dass Oberlahnstein als Teil des „Koblenzer Brückenkopfes“ zur linksrheinischen französischen Besatzungszone gehörte und dass bei vielen kommunalen Entscheidungen die französische Militärregierung in Koblenz das letzte Wort hatte. Er musste sich vor allem um die gravierende Wohnungsnot und die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln und Brennstoffen für die Heizung kümmern, vor allem in der Inflationszeit vor 1923. Er musste sich aber auch mit der Separatistenbewegung auseinandersetzten, die mit Unterstützung der französischen Besatzungsmacht versuchte, eine vom Deutschen Reich losgelöste „Rheinische Republik“ zu schaffen, zu der auch Oberlahnstein gehören sollte.

Walter Weber war aber auch regional und überregional aktiv. Er setzte sich für die Lahnkanalisation und die Nutzung der Wasserkraft ein. Er arbeitete in mehreren kommunalen Gremien mit, u. a. im Gesamtvorstand des Reichsstädtebundes und im Vorstand des Nassauischen Städtetages. Nach eigenen Angaben war Walter Weber vor 1933 Mitglied des Windthorstbundes, der Jugendorganisation der Zentrumspartei. Nach 12-jähriger Amtszeit wurde Walter Weber 1932 von der Stadtverordnetenversammlung Oberlahnsteins für eine zweite Amtszeit wiedergewählt. Gegen ihn stimmten die Vertreter der NSDAP, die damals schon im Stadtparlament vertreten waren.

Sein Verhalten als Stadtoberhaupt gegenüber den Nazis muss dazu geführt haben, dass sie ihn als ihren Gegner betrachtet haben, den sie nach ihrer Machtübernahme nicht mehr in seinem Amt dulden konnten. Im August 1933 teilte der NS-Regierungspräsident von Wiesbaden ihm mit, dass er gemäß des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933 als Bürgermeister entlassen sei. Die vom Regierungspräsidenten angegebenen Gründe waren äußerst fadenscheinig: Unter anderem habe er 1932 in Oberlahnstein eine Sammlung der „Roten Hilfe“, einer KPD-Organisation zur Unterstützung verfolgter Genossen, genehmigt. Außerdem habe er 1931 einen Umzug der KPD in Oberlahnstein genehmigt, bei dem ein Transparent mitgeführt wurde, das Adolf Hitler „in schändlichster Weise“ verunglimpfte.

Nach der Entlassung als Bürgermeister von Oberlahnstein verließ er die Stadt. Aus welchem Grund er von Oberlahnstein nach Hofheim im Main-Taunus-Kreis zog, ist nicht bekannt. Er wohnte hier von 1934 bis zu seinem Tod 1966 in der Marxheimer Straße (heute Rheingaustraße) oberhalb des Hofheimer Bahnhofs. Er wurde aber auch hier von den Nazis als potentieller Regimegegner überwacht. Im November 1937 schrieb z. B. der NSDAP-Ortsgruppenleiter von Oberlahnstein an seinen Kollegen der Ortsgruppe Hofheim, um zu erfahren, was Weber dort treibt und bittet ihn, seine Tätigkeit einige Zeit zu beobachten. Die Antwort des Hofheimer Ortsgruppenleiters ist nicht bekannt. Im Januar 1941 gab der NSDAP-Kreisleiter des Main-Taunus-Kreises auf einem vorgedruckten Formular eine politische Beurteilung über Walter Weber ab, die an den NSDAP-Gauleiter für Hessen-Nassau gerichtet war. Darin heißt es u. a., dass seine Spenden an die NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt) und an das WHW (Winterhilfswerk) sehr dürftig seien und dass er sehr verschlossen und politisch unzuverlässig sei.

Nach der Eroberung des Rhein-Main-Gebietes durch die Amerikaner Ende März/Anfang April 1945 und vor dem endgültigen Zusammenbruch des Nazi-Regimes am 8. Mai 1945 war es für die Militärregierung in der amerikanischen Besatzungszone notwendig, möglichst schnell eine funktionierende Verwaltung aufzubauen und an ihre Spitzen erfahrene Beamte zu setzen, die als Gegner der Nazis ausgewiesen waren. So wurde Walter Weber schon am 12. April 1945 durch den Captain Frank S. Percy der amerikanischen Militärregierung zum Landrat des Main-Taunus-Kreises ernannt. Am 27. März 1945, kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner in Hofheim, hatte sein Vorgänger, Landrat Franz Brunnträger, seine Dienstvilla in Hofheim fluchtartig verlassen, die vorher der Jüdin Emma Kopp, einer Freundin der benachbarten Ottilie W. Roederstein gehörte.

Walter Webers Arbeit als Landrat stand unter schwierigen Randbedingungen. Es gab ja noch keinen gewählten Kreistag oder Kreisausschuss wie heute. Die meisten Entscheidungen musste er in alleiniger Verantwortung treffen. Die erste Kreistagwahl nach dem Krieg fand erst am 28. April 1946 statt. Schon vorher, am 2. April 1946, war Walter Weber schwerwiegend erkrankt. Zu seinem Stellvertreter war Heinrich Weiss (SPD) aus Hofheim-Marxheim bestimmt worden.

Über die kurze Amtszeit Walter Webers ist relativ wenig berichtet worden. Die amerikanische Militärregierung hatte alle Zeitungen verboten und neue Lizenzen nur langsam vergeben, besonders bei der Lokalpresse. Zum Beispiel erschienen das Höchster Kreisblatt oder die Hofheimer Zeitung erst wieder ab Mitte 1949. Um die Mitteilungen der Behörden an die Bevölkerung zu verbreiten, gab der Kreis auf Webers Initiative hin, natürlich mit Genehmigung der Militärregierung, ab April 1946 einmal wöchentlich den „Main-Taunus-Anzeiger“ heraus, in dem auch Mitteilungen der Kreisgemeinden erschienen.

Im Vordergrund seiner Arbeit stand natürlich die Bewältigung der Kriegsfolgen für die Kreisbevölkerung, d. h. die Versorgung mit Lebensmitteln, die Schaffung von Wohnraum, die Wiedereingliederung der Kriegsheimkehrer, Evakuierten und Vertriebenen und Vieles mehr. Er konnte dabei auf seine Erfahrungen als Stadtoberhaupt von Oberlahnstein nach dem Ende des 1. Weltkrieges zurückgreifen. Eine außergewöhnliche Aufgabe war auch für Walter Weber die Aufnahme der Vertriebenen im Kreisgebiet. Die ersten Transporte aus dem Sudetenland trafen hier im März 1946 ein, zusammen mehr als 900 Personen. Bis Ende des Jahres sollten es mehr als 8.600 Personen werden, mehr als 10 % der damaligen Kreisbevölkerung. Walter Weber richtete deshalb am 5. März 1946 einen dringenden Aufruf an die Bevölkerung und alle Gemeindeverwaltungen, alles zu tun, um die schier unlösbar erscheinende Aufgabe der Unterbringung und Versorgung der Heimatvertriebenen zu bewältigen.

Auch die demokratischen Strukturen im Kreis mussten nach 12 Jahren Diktatur neu organisiert werden. Die letzte halbwegs demokratische Kommunalwahl hatte am 12. März 1933 stattgefunden. Eine seiner Sonderaufgaben war es, im Auftrag der „Alliierten Kontrollbehörde“ für den Kreis in Hofheim im Altbau des heutigen Stadtmuseums ein Kreisgefängnis einzurichten. Dort wurden die von der Militärregierung verhafteten führenden Nazis oder die von einem Militärgericht Verurteilten eingesperrt, die gegen Vorschriften der Besatzungsmacht verstoßen hatten.

Walter Webers Tätigkeit für den Main-Taunus-Kreis wurde durch eine schwere Erkrankung stark begrenzt. Nach dem 2. April 1946 erlitt er im Alter von 59 Jahren kurz hintereinander zwei Schlaganfälle und wurde dadurch halbseitig gelähmt. Er blieb dadurch für längere Zeit dienstunfähig. Bei der Kreistagswahl am 28. April 1946 errang die CDU mit 49,4 % der Stimmen fast die absolute Mehrheit. Da damals ein Quorum von 15 % galt, konnten KPD und LDP nicht in den Kreistag einziehen. Dadurch bekam die CDU 18 von 31 Sitzen, die SPD 13, d. h. die CDU die absolute Mehrheit der Sitze. Bei der konstituierenden Sitzung des Kreistages am 19. Juni 1946 wurde deshalb ihr Kandidat gewählt, Dr. Josef Wagenbach (CDU), damals Landrat des Kreises Gießen.

Zweifellos wäre auch Dr. Walter Weber für die CDU ein guter Kandidat gewesen. Er war der amtierende Landrat des Main-Taunus-Kreises, in der Zeit der Weimarer Republik als Mitglied des Windhorstbundes der Zentrumspartei nahestehend, Verwaltungsjurist mit langer Erfahrung in der Kommunalpolitik und erprobt in der Krisenbewältigung der Nachkriegszeit des 1. und 2. Weltkrieges. Ohne seine schwere Erkrankung wäre Walter Weber sehr wahrscheinlich noch länger Landrat des Main-Taunus-Kreises geblieben. Er wohnte noch 20 Jahre bis zu seinem Tod am 25. Mai 1966 in Hofheim.

Eine späte Ehrung erfuhr Walter Weber durch die Stadt Oberlahnstein, in der er 13 Jahre Bürgermeister war: Wegen seiner Verdienste um die Stadt wurde er am 28. März 1962 durch den Rat der Stadt zum Ehrenbürger ernannt. Bei einer Festveranstaltung der Stadt am 30. Mai 1962 erhielt er den Ehrenbürgerbrief aus der Hand des damaligen Bürgermeister Johannes Schoof. Im folgenden Jahr wurde als dauerhafte Ehrung in der Innenstadt von Oberlahnstein eine Straße in „Dr. Weber-Straße“ umbenannt.

 

 

 

Quelle: Reuschling, Dieter: Dr. Walter Weber – erster Landrat nach dem demokratischen Neubeginn im Main-Taunus-Kreis. Zwischen Main und Taunus – MTK-Jahrbuch 2021, S. 11-17. Hofheim, 2020.


Bearbeitung: Historischer Arbeitskreis Hofheim am Taunus (Dieter Reuschling)
Foto: Landratsamt Main-Taunus-Kreis, Hofheim am Taunus

 






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